Es ist Montag, der 5.03.2012, aber es ist nicht irgendein Montag. Dieser Montag veränderte unser Leben drastisch.
Marcel hatte heute frei und ich hatte mal wieder Vorsorge bei meiner Frauenärztin. Ich bin Anfang 13.Woche und war mal wieder Mega nervös und aufgeregt. Ich freute mich zugleich endlich wieder unser kleines sehen zu können:)
Als wir früh in der Praxis ankamen, wurde das übliche gemacht. Gewicht, Blutdruck usw....alles gut soweit:)
Dann wurde geschallt, zum ersten Mal über den Bauch:) Wir waren so happy!!!!
Die Frauenärztin wollte trotzdem nochmal von unten schallen, da sie es da doch noch besser erkennen könnte, unser Baby. Sie schallte und schallte, sagte kein Wort, bis sie dann feststellte das unser Baby eine Auffälligkeit am Kopf hat. Sie beruhigte uns und sagte, dass sei jetzt erstmal kein Grund zur Sorge und überwies uns ins Klinikum, zu einem Arzt für eine zweite Meinung, der ein besseres Ultraschallgerät hat.
Auf den Weg dorthin hatten wir eig keine Angst, sondern nur Hoffnung das doch alles gut ist und sie sich nur getäuscht hatte...nach ein paar Stunden warten, waren wir nun endlich dran.
Wir kamen in einen verdunkelten Raum mit drei Ärzten, ich nehme an die anderen zwei waren noch Studenten.
Ich lag auf der Liege und es wurde über den Bauch geschallt. Ich nahm Marcel´s Hand weil ich nun doch etwas Angst bekam....die Ärzte schallten ca. 30 Minuten und redeten mit uns keinen Ton....wir sahen nur ihre Blicke, die sie sich gegenseitig zuwarfen und deren verzweifelten Gesichtsausdrücke...
Dann wandten sie sich uns zu und sagten uns:
Es tut mir sehr leid für Sie, aber ihr Baby wird nach der Geburt nicht lebensfähig sein!
Dieser Satz reichte für mich, in einem Bad voller Tränen auszubrechen.. ich war am Boden zerstört und auch Marcel liefen die Tränen....:(
Ich konnte es nicht glauben, wir sahen auf den großen Bildschirm(Leinwand) wie unser Baby sich bewegte, wie es am Daumen lutschte und das Herzlein schlug. Was hat unser Baby?
Ihr Baby hat die Krankheit Anencephalie. Das ist ein Neuralrohr-Gendefekt und bedeutet das die Schädeldecke fehlt. Es ist wie beim offenen Rücken, nur das es der offene Kopf ist, da kein Knochen vorhanden ist. Auf den früheren Ultraschallbildern konnte ich nichts erkennen und man könnte meinen ihr Baby sei gesund. Doch leider ist dem nicht so! Wir machen einen Termin für Freitag um nocheinmal zu schauen und machen es dann gleich raus!
Sie wollten unser Baby einfach so entfernen?? Nein, es ist mein Baby, es ist in meinem Bauch, es ist einfach in mir und ich spüre es und es lebt. Ich verstehe einfach nichts mehr....
Mit dieser schrecklichen Wahrheit gingen Marcel und ich aus dem Zimmer und fielen uns danach in die Arme..wir fanden keine Worte mehr, wir konnten nicht mehr... unser Baby ist krank und würde nach der Geburt nicht leben...wie kann das passieren...ist das jetzt alles meine Schuld???
Warum gerade wir?? Warum???Was haben wir getan??? Unser einziger Wunsch war es doch, ein gesundes Baby auf die Welt zu bringen, egal was es ist, ob Junge oder Mädchen. Es ist doch unser Kleines... Wir waren sehr verzweifelt, traurig, enttäuscht, wütend auf den Arzt wie er mit uns umgegangen ist.... alles zugleich, alles auf einmal! Wir lagen uns in den Armen und weinten...wir konnten nichts außer das, es war so schrecklich!!!! :(
Wir gingen nach draußen an die frische Luft. Ich brachte kein Wort über meine Lippen.... wenn Marcel nicht da gewesen wäre, um mich aufzufangen, wäre ich zusammengebrochen.... ich konnte einfach nicht mehr....
Marcel rufte seine Eltern an um ihnen die schreckliche Diagnose zu berichten.... und um ihnen abzusagen, denn eigentlich wären wir Morgen zu ihnen gefahren, nach NRW bis Samstag. Doch jetzt ist ja alles anders!
Danach rufte er meine Mama an...ich weiß nicht wie sie reagierten am Telefon, ich weiß zu dieser Zeit garnichts mehr....und auch Marcel legte auf und wir fuhren erstmal nach Hause...
....dort angekommen versuchten wir miteinander zu reden, was wir jetzt noch tun können. Wir waren am Boden zerstört und wollten es einfach nicht wahrhaben, auch meine Mama nicht. Deswegen beschlossen wir doch nach NRW zu seinen Eltern zu fahren, um uns noch eine andere Meinung einzuholen von einer pränataldiagnostischen Praxis, um einfach hier rauszukommen, aus unserer Wohnung, die schon voll von Babysachen war... also fuhren wir ein Tag später nach Köln. Zuerst gingen wir zur Rheinbrücke um dort ein Schloss mit unseren Initialien zu befestigen, mit den Zeichen von Marcel, dem Baby und mir. Denn eins war uns klar, das Kleine war schon ein Teil unseren Lebens!!
Danach hatten wir den Termin. Dort, in der Praxis war die Atmosphäre ganz anders als im Klinikum in Nürnberg. Der Arzt war total nett und er erklärte uns von Anfang an alles was er sah und auch nicht in diesem Fachchinesisch.
Doch leider musste er uns die gleiche Diagnose mitteilen....
Jetzt standen wir vor einer sehr großen Entscheidung! Die Entscheidung über Leben und Tod unseres Babys. Eines war für mich klar, ich kann und will diese Entscheidung nicht treffen. Soll ich jetzt Gott spielen und über Leben oder Tod entscheiden?!? Nein das kann ich einfach nicht....
Wir fuhren erstmal zu Marcels Eltern nach Hause. Auf den Weg dorthin war alles still im Auto, keiner wusste so recht was er sagen sollte. Ich saß neben meinen Mann und brachte mal wieder kein Wort über meine Lippen. Ich war still, in mich gekehrt und ich grübelte....was soll ich tun?
Dort angekommen, beschlossen wir erstmal uns im Internet über die Krankheit zu informieren und fanden eine ganze Menge! Wir nahmen auch Kontakt zu anderen betroffenenen Eltern auf und lasen ihre Erfahrungsberichte. Von da an stand für mich fest:
Ich werde gegen den Rat der Ärzte handeln und mein Baby auf die Welt bringen. Denn es lebt, in mir, ich kann es spüren. Es liegt unter meinem Herzen! Ich bringe es nicht über das Herz so eine Entscheidung zu treffen oder mein Baby töten zu lassen. Denn für uns ist das Mord, wenn die Ärzte eine Todesspritze setzen und das Herz unseres Kleinen langsam aufhört zu schlagen. Es hätte dabei Todesangst und Panik und ich kann und will mein Baby nicht umbringen!!!!!
Unser Kleines soll selbst für sich entscheiden, wann es gehen möchte. Auch wenn wir wissen, dass es nach der Geburt nur ein paar Stunden bis 1-4 Tage leben wird. Dann geht es von alleine und das ist menschlich. Aber eine andere Wahl gibt es für mich, gibt es für uns nicht und unsere Entscheidung ist getroffen!
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